Legio Vorarlberg
Verein der römischen Kultur und Geschichte Vorarlbergs
 

Der römische Gutshof von Brederis


Baugeschichte


Auf einem Schuttkegel der Frutz inmitten des Weitriedes errichteten römische Siedler vor beinahe 2.000 Jahren ein landwirtschaftliches Anwesen, eine sogenannte villa rustica, die aus mehreren Wohn- und Wirtschaftsgebäuden bestand. Bisher wurden drei Gebäude archäologisch untersucht, durch geophysikalische Messungen konnten die Überreste zumindest eines weiteren Bauwerks nachgewiesen werden. Weitere Wirtschaftsgebäude wie Stallungen, Speicher und Werkstätten sind im Umfeld des Gutshofes zu vermuten. Die Anfänge der römischen Besiedlung in Brederis reichen bis in die erste Hälfte des 1. Jahrhunderts n. Chr. zurück. Im Laufe der folgenden Jahrhunderte wurde die Anlage mehrfach erweitert und umgebaut. Das 1996 entdeckte und zwischen 2002 und 2007 archäologisch untersuchte Gebäude im nördlichen Bereich der Anlage diente spätestens ab dem 2. Jahrhundert als Wohnhaus und dürfte damals das Hauptgebäude des Gutshofes gewesen sein. Das repräsentative Haus besaß eine nach Osten ausgerichtete Schaufassade mit zwei turmartig erhöhten Eckräumen und einer dazwischenliegenden Säulenhalle. Eine Fußbodenheizung in mehreren Wohnräumen, farbige Wandputzreste sowie Bruchstücke von Fensterglas zeugen von einem für die damalige Zeit beachtlichen Wohnkomfort.

Auch das weiter südlich gelegene zweite Gebäude, dessen Grundmauern heute im „Freilichtmuseum Römervilla“ zu sehen sind, diente zu Wohnzwecken. Es besaß eine nach Süden ausgerichtete Apsis und verfügte ebenfalls über eine sogenannte Hypokaustenheizung. In seinen Grundzügen dürfte der Bau bereits im 2. Jahrhundert entstanden sein. Im 4. Jahrhundert übernahm er vermutlich die Funktion des Haupthauses. Zahlreiche Funde aus dieser Zeit lassen darauf schließen, dass der Gutshof damals eine regelrechte Blütezeit erlebte. Gefundene Waffen und militärische Ausrüstungsgegenstände weisen zudem auf eine mögliche Verbindung zu staatlichen oder militärischen Einrichtungen hin. Rund 200 Meter östlich der beiden Wohngebäude befindet sich das zum Anwesen gehörende römische Badehaus. Es wurde 2006 bei Erdarbeiten auf dem Gelände des heutigen Golfplatzes entdeckt. Die gut erhaltene Therme mit ihren beheizbaren Räumen verdeutlicht eindrucksvoll den Komfort, den sich die Bewohner des Gutshofes leisten konnten.

Die zum Gutshof gehörenden Felder und Weiden erstreckten sich vermutlich über mehrere Hektar rund um das Anwesen. Auch wenn sich der Anbau von Getreide bislang nur vermuten lässt, ist die Haltung von Rindern, Schweinen, Schafen und Ziegen anhand ausgegrabener Tierknochen nachgewiesen. Pferde dienten als Reit- und Arbeitstiere, Hunde dürften unter anderem zur Bewachung des Viehs eingesetzt worden sein. Die Jagd spielte hingegen nur eine untergeordnete Rolle. Unter den Tierknochen fanden sich dennoch Überreste von Feldhasen und sogar eines Bären. Neben der Landwirtschaft wurden auf dem Hof auch verschiedene Handwerke ausgeübt. Eisenschlacken belegen beispielsweise die Tätigkeit einer Schmiede. Der Gutshof von Brederis lag keineswegs abgeschieden, sondern war Teil einer vergleichsweise dicht besiedelten römischen Kulturlandschaft. Davon zeugen zahlreiche Fundstellen in der näheren Umgebung. Von besonderer Bedeutung ist der nur etwa 1,5 Kilometer südlich gelegene große römische Gebäudekomplex „Uf der Studa“ in Feldkirch-Altenstadt. Bei diesem könnte es sich um die in der Tabula Peutingeriana, einer mittelalterlichen Kopie einer römischen Straßenkarte, verzeichnete Straßenstation Clunia gehandelt haben. Die auf dem Gutshof produzierten landwirtschaftlichen Erzeugnisse konnten dort ebenso Absatz finden wie im weiter entfernten städtischen Zentrum Brigantium, dem heutigen Bregenz.

Im Laufe des 5. Jahrhunderts wurde der Gutshof schließlich aufgegeben. Die Gebäude verfielen und wurden teilweise abgetragen. Ganz verschwunden waren sie jedoch zunächst nicht. Im 8. oder 9. Jahrhundert wurde der Apsisraum des südlichen Wohnhauses als Grabstätte für einen etwa 50-jährigen Mann genutzt. Im Mittelalter entstand innerhalb der römischen Ruinen nochmals ein kleiner mehrteiliger Steinbau, der vermutlich bis ins 15. Jahrhundert als Hufschmiede diente. Danach verschwanden auch die letzten sichtbaren Spuren des einstigen römischen Gutshofes. Wiederholte Überschwemmungen der Frutz überdeckten seine Überreste mit mächtigen Schwemm- und Schotterschichten, die stellenweise eine Höhe von bis zu zwei Metern erreichten. Der Gutshof geriet schließlich vollständig in Vergessenheit – bis seine Mauern im 20. Jahrhundert wieder ans Tageslicht kamen.